# Überspannungsschutz — SPD Typ 1 und Typ 2

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## Überspannungsschutz — wann wirklich Pflicht und warum unverzichtbar

Ein einziger Blitzeinschlag in der Nachbarschaft kann ausreichen, um Ihre komplette Elektronik zu zerstören — Wechselrichter, Wärmepumpensteuerung, Smart-Home-Zentrale, Computer, Fernseher, Kühlschrank. Schadenshöhe: oft fünfstellig. Versicherungsschutz: oft strittig.

Der Überspannungsschutz ist vermutlich die am meisten unterschätzte Komponente in der Elektroinstallation. Er kostet vergleichsweise wenig, sichert aber Geräte für tausende Euro. Mit der neuen VDE-AR-N 4100:2026-04 wird er für praktisch jede Neuanlage zur Pflicht — und bei Erweiterungen (PV, Wallbox, Wärmepumpe) ohnehin.

### Was ist Überspannung — und wo kommt sie her?

Überspannung ist ein kurzer, extrem hoher Spannungsspitzenwert auf der Stromleitung — typisch im Bereich von einigen tausend bis hunderttausend Volt. Diese Spitzen entstehen aus drei Hauptquellen:

### SPD Typ 1, Typ 2 und Typ 3 — die drei Schutzstufen

Überspannungsschutz wird in der Fachsprache als SPD bezeichnet — Surge Protection Device. Es gibt drei verschiedene Typen, die jeweils einen anderen Zweck erfüllen:

### Wann ist Überspannungsschutz Pflicht?

Die rechtliche Grundlage steckt in der DIN VDE 0100-443 (Bedarfsermittlung) und DIN VDE 0100-534 (Auswahl und Errichtung). Die VDE-AR-N 4100:2026-04 verweist explizit auf diese Normen — und ergänzt sie mit zusätzlichen Anforderungen.

Die Bedarfsermittlung berücksichtigt mehrere Risikofaktoren — und das Ergebnis ist in nahezu allen Fällen: Überspannungsschutz erforderlich. Konkret immer der Fall bei:

### SPD Typ 1 — die strengen Anforderungen der VDE-AR-N 4100

Die VDE-AR-N 4100:2026-04 stellt für SPD Typ 1 im Hauptstromversorgungssystem sieben strenge Bedingungen. Das ist kein Schikanen-Katalog — es geht um die Vermeidung von Bränden im Zählerschrank:

- Konformität mit DIN EN 61643-11 — nachgewiesen durch ein akkreditiertes Prüfzeichen einer anerkannten Prüfstelle

- Sichere Trennung bei innerem Kurzschluss — wenn der SPD selbst defekt wird, muss er sich dauerhaft vom Netz trennen, ohne Folgeschäden

- Spannungsschaltend (Funkenstrecke) — keine Varistoren: Im Hauptstromversorgungssystem dürfen nur SPDs mit Funkenstrecke verwendet werden, weil sie nach dem Ableiten in den hochohmigen Zustand zurückkehren

- Keine LEDs oder Energieentnahme — der SPD darf keinen ständigen Stromverbrauch haben, weil er im ungemessenen Bereich sitzt

- Kurzschlussfestigkeit ISCCR mindestens 25 kA — passend zum 25-kA-Kurzschlussschutz im netzseitigen Anschlussraum

- Folgestrom darf Hausanschlusssicherung nicht auslösen — der SPD muss nach dem Ansprechen schnell wieder hochohmig werden

- Plombierbares Gehäuse, Statusanzeige ohne Öffnen prüfbar — damit der Netzbetreiber die Funktion kontrollieren kann ohne den Anschlussraum zu öffnen

### Erdungsanlage — die oft vergessene Voraussetzung

Hier eine wichtige Neuerung der VDE-AR-N 4100:2026-04: Wenn keine Erdungsanlage vorhanden ist und ein SPD Typ 1 vorgesehen wird, muss der Errichter prüfen, ob eine Erdungsanlage nach DIN 18014 erforderlich ist und ggf. nachzurüsten ist.

Das klingt technisch — ist aber praktisch hochrelevant. Viele ältere Gebäude in der Region Hannover haben keine vollständige Fundamenterdung. Ohne Erdungsanlage kann ein SPD Typ 1 die abgeleitete Energie nicht in den Boden ableiten — und ist damit wirkungslos oder sogar gefährlich.

### Wo wird der Überspannungsschutz eingebaut?

Die Einbauorte sind klar definiert:

### Was passiert ohne Überspannungsschutz?

Die Konsequenzen sind nicht theoretisch — sie passieren regelmäßig:

### Risikobewertung nach DIN VDE 0100-443

Seit der Aktualisierung der DIN VDE 0100-443 muss bei jeder neuen elektrischen Anlage geprüft werden, ob Überspannungsschutz nötig ist. Die Norm liefert dafür einen Berechnungsweg, der auf dem Lightning Protection Level (LPL) basiert. Vereinfacht: Es wird abgeschätzt, wie häufig Blitzeinschläge in der Region auftreten, wie nah sie Ihre Anlage erreichen können und welcher Schaden im Worst-Case entstehen würde.

Das Ergebnis ist eine von vier Schutzklassen (LPL I bis IV). Die Klasse bestimmt, wie hoch die Anforderungen an den Überspannungsschutz sind – also welche Ableitströme, welche Restspannungen und welche Anzahl an SPD-Stufen notwendig sind.

LPLSchutzklasseTypische AnwendungSPD-Anforderung

Ihöchste AnforderungenKrankenhaus, Rechenzentrum, kritische InfrastrukturTyp 1 + Typ 2 + Typ 3, hohe Ableitströme

IIhohe AnforderungenIndustrie, größere Wohngebäude, SchulenTyp 1 + Typ 2 + Typ 3

IIInormale AnforderungenEinfamilienhaus mit PV/WallboxTyp 2 mindestens, Typ 1 wenn Freileitung oder Blitzableiter

IVgeringere AnforderungenGarten- oder Werkstatthaus ohne kritische GeräteTyp 2 empfohlen

Die Norm formuliert das so: "In jeder neuen Anlage ist davon auszugehen, dass Überspannungsschutz benötigt wird." Das heißt: Der Elektriker muss aktiv begründen, warum er keinen einbaut – nicht umgekehrt. In der Praxis verbauen wir bei nahezu jedem Neubau und jeder umfassenden Sanierung einen mehrstufigen Schutz, weil die Investition gegenüber dem Schadensrisiko vernachlässigbar ist.

### Drei-Stufen-Konzept im Detail (Typ 1, 2, 3)

Ein professioneller Überspannungsschutz besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Stufen. Jede Stufe filtert einen Teil der Überspannungsenergie heraus und übergibt den Rest an die nächste Stufe. Diese Koordinierung ist entscheidend – ein einzelner Ableiter reicht nicht.

Typ 1 (Blitzstromableiter)

Eingebaut im Vorzählerbereich – konkret im netzseitigen Anschlussraum (NAR) des Zählerschranks oder in einem separaten plombierten Gehäuse. Wichtig: Der Einbau direkt im Hausanschlusskasten (HAK) ist mit der VDE-AR-N 4100 nicht mehr zulässig. Aufgabe: direkten Blitzstromanteil ableiten, der über Blitzschutzanlage, Freileitung oder Erdkabel ins Haus eindringen kann. Typ-1-SPDs im Vorzählerbereich müssen nach VDE-AR-N 4100 ausschließlich als spannungsschaltende Geräte mit Funkenstrecken ausgeführt sein – Varistoren oder Kombinationen aus Funkenstrecke und Varistor sind dort nicht zulässig. Sie müssen der Produktnorm DIN EN 61643-11 (VDE 0675-6-11) entsprechen und mindestens 25 kA Kurzschlussfestigkeit haben. Die Restspannung am Ausgang liegt bei mehreren kV – deshalb braucht es immer einen nachgelagerten Typ 2.

Typ 2 (Überspannungsableiter)

Eingebaut im Stromkreisverteiler oder Unterverteiler. Aufgabe: die vom Typ 1 durchgelassene Restspannung weiter abbauen und auch indirekte Überspannungen aus dem Netz oder durch Schalthandlungen abfangen. Typ 2 nutzt meist Varistoren (spannungsabhängige Widerstände) und ist deutlich kompakter als Typ 1. Die Restspannung sinkt nach Typ 2 auf wenige hundert Volt – noch zu hoch für empfindliche Elektronik.

Typ 3 (Feinschutz)

Eingebaut nahe am Endgerät – als Steckdosenleiste mit Schutz, im Verteiler vor empfindlichen Geräten oder direkt im Anschluss-Stromkreis. Aufgabe: die letzte Restspannung auf ungefährliche Werte (typisch <200 V Spitzenwert) reduzieren. Wichtig vor allem für: PCs, Server, Audio-/Video-Geräte, KNX-Anlagen, Wechselrichter, Wallboxen und smarte Hausgeräte.

### Ableitstrom-Klassen, Restspannung und Bemessung

Bei der Auswahl eines SPD geht es nicht nur um "Typ 1 oder Typ 2", sondern um konkrete Kennwerte. Die wichtigsten:

- I_imp (Blitzstoßstrom 10/350 µs): für Typ 1, typisch 12,5 kA bis 25 kA pro Pol. Höhere Werte für Anlagen mit Blitzschutz oder Freileitungseinspeisung.

- I_n (Nennableitstoßstrom 8/20 µs): für Typ 2, typisch 20 kA bis 40 kA. Beschreibt, wie viele "normale" Überspannungsereignisse das SPD aushält.

- U_p (Schutzpegel): die maximale Restspannung, die das SPD am Ausgang durchlässt. Kleinere Werte = besserer Schutz. Typ 1: meist 1,5 bis 2,5 kV. Typ 2: 1,2 bis 1,5 kV. Typ 3: <1,5 kV bis 600 V.

- U_c (Maximale Dauerspannung): die Spannung, bei der das SPD im Normalbetrieb noch nicht aktiv wird. Im 230-V-Netz typisch 275 V – höher als die Nennspannung, um Spannungsschwankungen zu tolerieren.

Beim Einsatz mehrerer Stufen kommt noch die Energiekoordinierung dazu: Die Stufen müssen so abgestimmt sein, dass die obere Stufe die meiste Energie ableitet und die untere Stufe nur den Rest sieht. Hersteller geben dafür Koordinierungstabellen heraus, die wir bei der Planung berücksichtigen.

### DIN EN 62305 – die Blitzschutznormen-Familie

Während die DIN VDE 0100-443/-534 den inneren Überspannungsschutz regelt (also was im Haus passiert), ist die Normenreihe DIN EN 62305 für den äußeren Blitzschutz (Blitzableiter) und das Gesamtkonzept zuständig. Sie besteht aus vier Teilen:

- 62305-1: Allgemeine Grundsätze des Blitzschutzes

- 62305-2: Risikomanagement (Berechnung des Blitzschadenrisikos)

- 62305-3: Schutz gegen physikalische Schäden (Blitzableiter, Erdung, Potentialausgleich)

- 62305-4: Schutz elektrischer und elektronischer Systeme in baulichen Anlagen (innerer Blitzschutz, SPDs)

Für Wohngebäude sind in der Regel Teil 3 und 4 relevant. Bei größeren Gewerbeobjekten kann auch Teil 2 mit einer förmlichen Risikoanalyse vorgeschrieben sein. Wir arbeiten bei komplexen Projekten mit zertifizierten Blitzschutz-Fachkräften zusammen – als Elektromeisterbetrieb decken wir den inneren Blitzschutz ab, der äußere Blitzschutz (Auffang-, Ableitungsanlage) ist Spezialgebiet.

### Erdung und Potentialausgleich – das Fundament

Ein Überspannungsschutz ist nur so gut wie die Erdungsanlage, an die er angeschlossen ist. Wenn der Ableitstrom nicht sauber in die Erde abgeführt werden kann, baut sich am SPD eine gefährliche Spannung auf, die wiederum die Hausinstallation beschädigt. Deshalb verlangt die VDE-AR-N 4100, dass beim Einbau eines SPD Typ 1 die Erdungsanlage geprüft wird – sie muss den Anforderungen der DIN 18014 (Fundamenterder) oder der DIN VDE 0100-540 (Schutzleiter, PE) entsprechen.

In vielen Bestandshäusern fehlt eine moderne Erdungsanlage komplett. Wir haben das schon mehrfach erlebt: Beim Umbau für PV oder Wallbox stellen wir fest, dass der Schutzleiter zwar vorhanden, aber nicht mit einer richtigen Erdungsanlage verbunden ist. Dann muss nachgerüstet werden – meist mit einem Tiefenerder, der außen am Haus eingebracht wird, oder mit einem Banderder, der mehrere Meter im Erdreich verlegt wird. Erst dann darf der Überspannungsschutz angeschlossen werden.

### Praxisbeispiele aus der Region Hannover

Ein paar typische Konstellationen, mit denen wir es in der Praxis zu tun haben:

- Einfamilienhaus mit PV und Wallbox: Typ 1+2 kombiniert im Hauptverteiler, Typ 3 im Wallbox-Stromkreis. Erdungsanlage geprüft.

- Mehrfamilienhaus mit Wärmepumpe: Typ 1+2 im Hauptanschlusskasten, Typ 2 in jedem Etagenverteiler, Typ 3 vor empfindlichen Geräten.

- Gewerbeobjekt mit Server-Raum: Risikoanalyse nach DIN EN 62305-2, mehrstufiger Schutz mit zusätzlichem Datenleitungsschutz für Netzwerk und Telefon.

- Bestandshaus mit Sanierung: Komplette Erdungsanlage neu, Typ 1+2 im Zählerschrank nachgerüstet, alte SPDs ersetzt.

Jedes Projekt ist anders, jede Erdungssituation ist anders. Wir messen, planen und installieren individuell – kein Schema F. Die Überspannungsschutz-Komponenten kosten überschaubar viel, der Schutz für die Geräte im Haus liegt aber im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Diese Investition rechnet sich schon beim ersten verhinderten Schaden.

### Häufige Fragen zum Überspannungsschutz

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